Freitag, 14. April 2017

Die Toten Hosen: Unter den Wolken



Ob es eine Punkrock-Band wirklich cool findet, wenn sie plötzlich so etwas wie nationale Superhelden sind und Hits quasi am laufenden Band produziert?
Könnte ja darauf hinweisen, dass die Menschen in diesem Land um einiges cooler geworden sind. Schnoddriger. Weniger verbissen. Vielleicht sogar anarchistischer?
Könnte aber auch heißen, dass Punkrock gar nicht mehr so gesellschaftskritisch, beißend und radikal ist, wie es vielleicht noch vor 30 Jahren der Fall war.

Angesichts des Erfolgs von solchen Bands wie Broilers, Böhse Onkelz oder auch Terrorgruppe kann man schonmal ins Grübeln kommen. Und mit der neuen Hitsingle der Toten Hosen Unter den Wolken erst recht. Denn so richtig klingt das gar nicht mehr nach Punkrock. Rock - ok, hat ja paar E-Gitarren zu bieten, aber Punkrock? Ist ein halb geschrieener Refrain das einzige, was von der Kritik an der spießbürgerlichen Gesellschaft und der Verweigerung übrig geblieben ist.

Wenn ich mir den Text von Unter den Wolken anhöre, dann ist da tatsächlich nicht viel Konkretes zu finden. Alles bleibt schön im Vagen:
Die Welt steht grad auf ihrem Kopf
Der Wind hat sich gedreht
Ein grauer Schatten liegt auf unserm Weg

Irgendwie haben wir ein mulmiges Gefühl, irgendwas läuft hier nicht richtig. Aber was genau da falsch ist – unklar.

Sind die Toten Hosen nicht mehr fähig, das zu beschreiben, was sie ärgert? Geben Sie tatsächlich lediglich der allgemeinen Unsicherheit eine Stimme, die sich dann ganz gern auch mal in Denkzettel-Protestwahlen oder seltsamen Spaziergängen niederschlägt? Ist es so kompliziert geworden in unserem Leben, dass nicht mal mehr eine konkrete Ansage funktioniert? Hat sich Punk nicht irgendwann mal einen Dreck drum geschert, ob man aneckt oder nicht? Hauptsache erstmal gesagt, was man Scheiße findet?

Vielleicht sind die Toten Hosen ein bisschen verwöhnt oder besoffen vom Erfolg. Tage wie diese wurde ja zu so etwas wie einer nationalen Hymne durch alle Schichten hinweg. Das hat dem Lied leider nicht so gut getan. Selbst die kurz vor der Rente stehenden Jugendtrainer waren Fan von dem Titel. Punkrock als Konsens – irgendwie fühlte sich das auch komisch an. Für mich zumindest.

Bei den Toten Hosen bin ich mir nicht so sicher. Unter den Wolken zielt mir zu sehr auf den Mainstream. Laut genug um mir ein semi-wildes Rocker-Dasein vorzuspielen, aber gezügelt genug um ins Format-Radio zu passen. Und auf die ECHO-Preisverleihungsshow. Der Auftritt dort ist ja so ein bisschen dran schuld, dass plötzlich ganz ganz viele Menschen den Song auf ihren Abspielgeräten haben wollen.

Achja, und dann gab es rund um den ECHO noch diese putzige Geschichte mit Jan Böhmermann. Der hat eine ziemlich ungeschminkte Kritik an der neuen deutschen Liedermacher-Pop-Romantik vom Stapel gelassen, inklusive musikalischer Parodie. Vielleicht nicht bis ins letzte gerecht oder richtig - aber mindestens den Kern ziemlich genau treffend. Und obendrein lustig. Könnte man beinahe als Punk bezeichnen, wenn es nicht so glatt produziert daher käme.

Für Campino ist Jan Böhmermann dagegen eher das Feindbild: Der doofe Fernsehmacher des Establishment. Da verteidigt er doch lieber in der Öffentlichkeit die Schlager-Liedermacher, und Böhmermann, der zumindest mal den Finger auf was gerichtet hat ist ein Störenfried ... hmmm ... mindestens eine seltsame Position für einen Punk.

Es hat sich also einiges verschoben im Koordinatensystem unserer Werte. Satire im öffentlich-rechtlichen ist Scheiße – kommerzielle Preisverleihungsshows mit Rieseneinschaltquote für die komplette Familie sind cool. Wie war das nochmal mit dem Punkrock auf Platz 1 der Charts?

Unter den Wolken ist auch wegen dieser Geschichten drum herum nicht unbedingt die Sternstunde des Genres.

Freitag, 7. April 2017

Luis Fonsi Ft. Daddy Yankee: Despacito



Latino-Pop auf spanisch gehört mittlerweile zum festen Repertoire der deutschen Charts. Alle paar Monate bringt es ein heißblütiger Titel zu mittlerer Popularität. Gern aus Südamerika, gern von einem gutaussehenden Macho-Lover gesungen, meistens ziemlich sexualisiert und mit einem tanzbaren Karibik-Beat unterlegt. Natürlich stehen da die Ladies, allen voran Shakira, keinen Deut zurück. Und der deutsche Durchschnittsbürger erhält den Eindruck: In Mittel- und Südamerika geht es nur um eines. Klar, ist ja auch immerzu so heiß, dass man sich gern und schnell der Hüllen entledigt und Haut genug zeigt …

Das Phänomen ist natürlich keineswegs neu. Den karibisch angehauchten Hit gab es schon in den 50ern und 60ern, damals eher noch von europäischen Schlagerbarden intoniert. Ende der 1980er war Lambada der körperlich explizite Tanz-Hit der Saison. Naja, und Shakira macht seit Anfang der 2000er ohnehin nicht viel anderes als Balztanz auf der Bühne.

Vor etwa 10 Jahren gab es die letzte Ergänzung und Modernisierung des Repertoires. Da hievte Raggaton mit seinen Spielarten den Karibik-Sound ins elektronische Zeitalter. Daddy Yankee war damals einer, der den Zug nutzten konnte und mit Gasolina einen Hit einfuhr. Nicht, dass er musikalisch der experimentierfreudigste war – er konnte sich einfach ganz gut verkaufen.

Seit dieser Zeit hat sich der Beat Stück für Stück durchgesetzt und ist mittlerweile Bestandteil von ungefähr eines Drittels aller internationalen Hits von SIA bis Clean Bandit. Und auch die Hits aus Mittel- und Südamerika werden rhythmisch zerhackter, elektronischer, härter – und tauchen häufiger auch in europäischen Hitlisten auf. Jüngstes Beispiel ist nun Despacito, gesungen von Schmuseheld Luis Fonsi, der sich so wie sein europäischer Kollege Enrique Iglesas ein bisschen Street-Credibility einkauft und für seinen neuen Song ein "Featuring" dranhängt, hinter dem dann Daddy Yankee steht.

In Puerto Rico sind die beiden Riesenstars, der Sprung in die USamerikanische Szene war ebenfalls nicht schwer und die Rekorde purzelten nur so: Meistgesehenes spanisches Video innerhalb der ersten 24 Stunden auf Vevo, schnellstes spanischsprachiges Video, das 800 Millionen Views erreicht, der Hit, der in den meisten Lateinamerikanischen Ländern gleichzeitig auf der 1 stand … Nun ist auch Europa dran.

Und die Klischees funktionieren hier offenbar ebenso. Sex sells. Der Latino, der sabbernd durch die Bar fegt, die Hand im Schritt – ein Rollenbild, das einige deutsche Männer auch für sich ganz gern adaptieren würden. Die derzeit mächtig erfolgreichen deutschen Rapstars erzählen von nichts anderem: links und rechts die Ladies, die einem zu Füßen liegen – in der Mitte der Blingbling-King.

Bei Fonsi und Daddy Yankee ist es vielleicht noch etwas subtiler. Immerhin träumen beide ja erstmal nur davon, was sie alles tun würden. Und worauf sie Lust hätten. Und es geht ganz traditionell um die eine Frau, die es zu begatten gilt. Dass die beiden Herren dabei keinen Zweifel daran lassen, dass sie die größten Liebhaber sind, also genau wissen, was ihr gefällt und es gar nicht nötig haben, in ihren Fantasien auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen, dass es eventuell auch darum gehen könnte, die Angebetete glücklich zu machen ... typisch egozentrische Macho-Weltsicht.

Natürlich geht es in solchen Songs nur um Äußerlichkeiten: Die Frau geht vorbei, die Kinnlade des Mannes klappt runter und hormongesteuert kann er nur noch hinter ihr her schwarwenzeln. Eine Frau, die derartig gut aussieht, muss man einfach erobern wollen. Wenigstens für eine Nacht. Der Jagdinstinkt ist erwacht, das Begehren lodert, es geht um Trophäen, die man sich umhängen kann, um nicht mehr und nicht weniger.

Und damit sind wir beim Grund des Erfolges von Espacito. Es will nicht mehr, als einen winzigen Moment feiern. Kein Wort von Beziehung und einander verstehen und all dem komplizierten Zeug. Einfach nur in die Kiste – möglichst schnell – und dieses Spiel genossen.
Das ist sozusagen der Sound zu den Dating Apps und Abschleppparties der Jetzt-Zeit. Und es ist der Sound der Wunschträume. Denn in Realität funktioniert der ganze Dating-Kram nur bedingt. Da wird rumgezickt und falsch gespielt, Verabredungen werden gemacht, die dann plötzlich nicht zustande kommen. Und hinter den coolen Profilen verbergen sich dann doch nur Menschen mit einem Haufen Komplexen.

Despacito ist sowas wie die Werbeversprechung auf tindr. Hol dir die heiße Frau, den potenten Mann ins Bett. Es ist ganz einfach. Alle sind willig.

Das Leben in echt ist dann doch anders. Gerade hab ich diesen Bericht gehört über die Singles, die nach Berlin ziehen um das große Abenteuer zu erleben und dann sind sie sagenhaft enttäuscht, dass sie im Club nicht den Partner ihres Lebens finden. Laaangweilig! Und der Jung-Journalist, der zur (erotischen) Berührerin geht, dann aber doch ganz verklemmt den Kontakt abbricht, wenn es in seine Hose gehen soll… Ängstlich, spießbürgerlich und inkonsequent.

Und deshalb sind Luis Fonsi und Daddy Yankee Stars. Die trauen sich alles das. Die sind geil und cool. Zumindest im Video. Im echten Leben ist der Fonsi-Bär wahrscheinlich auch nichts weiter als ein ganz lieber, kuschliger Junge, der nur zurück in Mamas Schoß will…
Naja, darüber kann man derzeit keine richtigen Popsongs machen. Träumen wir also weiter von unseren Abziehbildern!





Freitag, 31. März 2017

Jason Derulo Feat. Nicki Minaj & Ty Dolla $ign:
Swalla



Dass Jason Derulo ein elender Macho ist, der sich gern zweideutig und explizit äußert, das ist bekannt. Dass dieser Derulo recht häufig ziemlich geile Produzenten an sich binden kann, ist auch nichts Neues. Auch Swalla geht vor allem ab, weil Produzent Ricky Reed hier seine Finger im Spiel hatte. Kein Wunder, dass sich der Track genauso durchsetzt wie vor dreivier Jahren Wiggle und Talk Dirty. Auch die Tatsache, dass sich Derulo noch so einen richtigen Nasty-Rapper an die Seite holt, ist keine Überraschung. Für Swalla darf Ty Dolla $ign ans Mik.

Bekannte Ingredentien, bekannter Sound - das Ding ist ein infektiöser Hit, der in die Beine geht, ins Ohr - und gleichzeitig alles dafür tut, um mir den fröhlich-unbeschwerten Genuss zu verderben. Das ist sexistische Macho-Mucke vom Feinsten. Funktioniert dadurch natürlich nicht weniger gut – schreibt nur einmal mehr die beschissensten Klischees tief ins Unterbewusste.



Zum Glück ergänzt am Ende Nicki Minaj noch ein paar Zeilen. So richtig weiß man bei ihr ja nie: Ist das jetzt tatsächlich subversiv oder nur die totale Anbiederung. Im Fall von Swalla kann man auf alle Fälle eins sagen: Die Lady nimmt den beiden Jungs ganz gehörig die Butter vom Brot. Dreckiger als jeder Gangster, selbstbewusster als alle Superstars zusammen und ja, in diesem Fall auch sehr viel feministischer unterwegs. Lass die Typen ruhig stolz auf ihre Bananen sein, uns lässt das kalt, denn wir können den Macho-Kram allemal besser.

Das ist ganz hübsch zum Abschluss des Songs und stellt die beiden Rap-Stars sogar ein bisschen als Trottel dar. Hilft aber nur bedingt, denn die Tänzerinnen im Video sind da wesentlich devoter unterwegs.

Was heißt das nun, wenn so ein Track auf Hitkurs ist? Erstmal: Die besten Platzierungen fährt Swalla in Deutschland ein – also dort, wo man jetzt mit Straßen-Englisch vielleicht nicht so vertraut ist. Hier stehen der Sound und die Bilder für sich. Deutschland frönt da also sehr sehr dem testosterongeschwängerten Hype. Kerle, die sich Frauen halten können wie andere Leute Hamster – das kommt an. Dass Frauen auch cool sein können – interessiert nicht.

In Großbritannien reicht es für den Song bis zu Platz 43. Danach setzt der Ed Sheeran-Effekt ein und als dieser abebbt, geht es auch nur bis knapp über Position 60. Ich vermute, dass das auch etwas mit den Lyrics zu tun hat. Zu explizit? Zu dreckig? Zu feministisch?

In den USA schafft es Swalla einen Monat nach Veröffentlichung gerade mal auf Platz 98. Kann sich noch ändern, erzählt aber auch schon einiges. Drake beispielsweise schafft es sofort nach Veröffentlichung seines Albums gleich mit zwei Singles parallel in die Top 10. Es geht also einen Start auf den Punkt hinzulegen.
Aber in einem Land, in dem jetzt offiziell alles behauptet werden kann, und die entsprechend lauten Gegenproteste nicht auf sich warten lassen, in so einem Umfeld zählen Grenzüberschreitungen und Provokationen nicht mehr viel. Wurde alles schon gesagt. Langweilig. Next!
Und das gilt für beide Seiten. Ob also Jason Derulo oder Nicki Minaj – beide müssen sich für diesen Markt eventuell irgendwas anderes einfallen lassen um aufzufallen. Oder auswandern. Spannend, wie schnell Politik Gesellschaft und Kultur beeinflussen kann.

Aber vielleicht ist auch alles gleich wieder ganz anders. Ich beobachte weiter. Und hör derweil ein paar coole Produktionen von Ricky Reed.

Freitag, 24. März 2017

Jax Jones Feat. Raye: You Don't Know Me

Es gibt sie noch, die Dancefloor-Hits, die abseits von Stadionparty und softem DeepHouse-Gedöns funktionieren. Und tatsächlich auch im Mainstream funktionieren. Jax jones sei Dank.

Als Produzent hat er sich erste Aufmerksamkeit und Lorbeeren erarbeitet an der Seite von Duke Dumont, dem er 2014 bei I Got U zur Seite stand. Das reichte in seiner Heimat Großbritannien für eine Nummer 1 und in Resteuropa dann doch schon für einen Achtungserfolg. Nun ist er mit You Don't Know Me zumindest bei der Produktion allein unterwegs – und das Ergebnis ist grandios.

Natürlich ist auch You Don't Know Me vor allem ein cleverer Popsong, der sich explizit am Clubsound orientiert. Der reine Clubhit, der es auch im kommerziellen Umfeld schafft sich durchzusetzen, war ein Phänomen der 1990er. Deshalb hat es auch mit House Work nicht so durchschlagend funktioniert. Das war zu sperrig, zu cluborientiert, zu wenig radiokompatibel.

Beide Tracks setzen auf klassische House-Elemente: Wiederholung, ein straighter Beat und nicht zu viel Effekt-SchnickSchnack drumrum. So kommt bei You Don't Know Me vor allem die Stimme von Sängerin Raye besonders zum Tragen. Und damit auch der Text:
Du denkst du kennst mich? – F***k Off. Bloß weil wir zufällig im gleichen Club tanzen, bin ich nicht deine Freundin. Und schon gar nicht dafür da, von dir zugelabert zu werden.
So klingt Selbstbewusstsein im Jahr 2017.

Kombiniert wird der Track mit einem ebenso simplen wie witzigen Video. Eine Packung von Frühstückssüßigkeiten, auf denen der animierte DJ im Takt schreitet bzw. an entsprechenden musikalischen Stellen zum Handwaving ansetzt. Was braucht es mehr?



Natürlich noch eine Menge Referenzen auf sich selbst: Das Gewinnspiel für das House Work-Putzmittel an den Seiten des Kartons. Und ein echtes Video, in dem auch die Cerealien-Packung wieder auftaucht.



Katy Perry baut mit dem selben Ziel und Effekt riesige Vergnügungsparks nach – mit wesentlich weniger Budget funktioniert das Ganze genauso.
Danke!


Freitag, 17. März 2017

Ed Sheeran: Galway Girl

Na gut, nach der historischen Chart-Invasion der Tracks von Ed Sheerans : (Divide)-Album, muss ich dann doch nochmal detaillierter auf den Liedermacher aus Großbritannien schauen. Denn das, was er da unter die Menschen geworfen hat ist nicht einfach nur noch eine Sammlung von Liedern, sondern da sind tatsächlich echte Hits darunter. Zum Beispiel Galway Girl.

Ironischerweise wird die Story kolportiert, dass die Plattenfirma genau diesen Song gar nicht so gern auf dem Album haben wollte. Und schon gar nicht als Single. Nun haben die Hörerinnen weltweit entschieden und zumindest in Europa ist Galway Girl der Nachfolgheit zu Shape Of You and Castle On The Hill.

Galway Girl ist eines von zwei irisch-beeinflussten Songs des Albums. Da Nancy Mulligan allerdings im Vergleich zu den anderen Liedern das Albums schwach performt, gehe ich davon aus, dass der Irish Flavour allein nicht für den Erfolg des Liedes verantwortlich ist. Für mich ist es vielmehr das rhythmisch-orientierte Arrangement, das mitreißt und überzeugt. Die Mehrheit der Songs auf : (Divide) sind ja eher still, etwas melancholisch, auf alle Fälle aber nachdenklich. Bei Galway Girl geht es dagegen zur Sache. Da wird getrunken, getanzt, geraucht und gelacht.

In dieser emotional aufgeputschten Stimmung kommen sich zwei näher, feiern zusammen, haben Spaß. Klar, dass so eine Nacht nicht einfach zu Ende gehen kann, man trinkt zu Hause noch eine Flasche Wein und verliebt sich. Emotionen und Momente, die man lange, vielleicht ein Leben lang, in seinen Erinnerungen behält. Von diesem Gefühl zehrt der Song. Und Ed Sheeran hat es vor allem mit seinem Text hervorragend geschafft, diese Momente einzufangen. Dass er obendrein zwischen Gesang und Rap-Part hin- und herwechselt als sei es das Selbstverständlichste der Welt, macht den Song überlebendig und gnadenlos schwungvoll. Selbst wenn ich irischen Fiddlersound eigentlich eher ablehne (zu viel Riverdance und Co.), hier kann ich mich nicht entziehen und feiere mit.

Leiderleider – und das muss ich hier dann doch auch noch loswerden – ist Galway Girl tatsächlich eher die Ausnahme auf dem Album. Nachdem vor zwei Wochen nahezu eine Hysterie um das neue Album ausgebrochen war, habe ich es mir natürlich auch reingezogen und war eher enttäuscht. So viel Familienseligkeit und Heimweh, Gitarrenliedermachersound und Retrospektive hatte ich nicht erwartet. Klar, das spiegelt derzeit besonders in Britannien grad das allgemeine Lebensgefühl wider: Wie war das doch schön, als die Welt noch überschaubar war und Gut und Böse klar voneinander getrennt... Und auch der Rest der Welt kennt diese Sehnsucht derzeit ausführlich. Lösungsangebote finde ich auf : (Divide) allerdings gar keine. Nicht mal Ansätze davon.

Und deshalb höre ich auch bei Galway Girl etwas genauer hin und entdecke: Tja, es ist also auch einem jungen Mann, wie Ed Sheeran noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Frau besser Dart spielen kann als ein Mann … Muss man jetzt nicht überbewerten, zeigt aber auch, dass es eben noch lange nicht selbstverständlich ist in einer modernen und aufgeschlossenen Welt zu leben. Die Kindheitsmuster stecken in uns allen noch tief drin und holen uns manchmal eben doch ein.

Naja, vielleicht ist es ja auch gut, nochmal am eigenen Leib zu spüren wie es "damals" war: zu Hause auf dem Land, in der Großfamilie, mit nur geringstem, persönlichen Freiraum und statt Internet die Akustikgitarre, auf der immer wieder die selben Weisen gespielt werden. Ich freu mich jetzt schon auf die Remixe zu : (Divide).

Freitag, 10. März 2017

Burak Yeter Ft. Danelle Sandoval: Tuesday



Wenn ein türkischer DJ die Top 10 der deutschen Charts erreicht, dann ist das schon was Besonderes. Bisher haben nicht so viele türkische Musiker eine solch breite Aufmerksamkeit in Deutschland erreicht. Tarkan Ende der 90er und dann noch der deutsch-türkische DJ Mousse T zu ungefähr der selben Zeit. Und das wars dann auch schon. Bis heute. Denn seit ein paar Wochen tobt Tuesday mit Coolness über die Dancefloors und spült den DJ Burak Yeter in die Verkaufscharts und zu kommerziellen Erfolg.

Allerdings hat der Mann auch eine Weile gebraucht, um diesen Glücksgriff zu landen. Seine bisherigen Produktionen waren eher sehr durchschnittliche Ware. Nicht unbedingt schlechte Produktionen, nur eben nicht besonders auffällig oder mit einem eigenen Zugriff. Das ist bei Tuesday komplett anders. Der Beat, der einen gleichzeitig antreibt und trotzdem arg gebremst daherkommt, kombiniert mit einem Gitarrenriff und sehr dezent eingesetzten Bläsersätzen. Und dann kombiniert Burak Yeter eine laszive Frauenstimme mit männlichem Falsettgesang. Gewagter Kitsch.

Das Ganze geht aber doch gut auf, weil es in dieser Reduziertheit verharrt. Kein weiterer Schmalz, kein Pomp, kein zusätzlicher Trommelwirbel. Nach den tobenden Stadiongewittern von David Guetta, AVICII und Calvin Harris und dem esoterisch-verklärten Deephouse bzw. superromantic TropicHouse wirkt diese Variante von elektronischer Tanzmusik fast schon minimal. Ein paar französische Acts wie FEDER oder The Avener haben das in den letzten Jahren bereits erfolgreich ausprobiert – könnte sein, dass sich der Sound nach Tuesday noch ein bisschen mehr durchsetzt.

Das Video geht ähnliche Wege. Es nimmt die bekannten Bilder von leicht bekleideten, tanzenden Frauen, schickt die aber durch den technischen Störfilter. Die zur Schau gestellte Körperlichkeit ist damit zwar immer noch vorhanden und explizit, aber sie ist nicht einfach nur Vordergrund. Sie muss sich eben auch zerhacken lassen, als Erinnerung (oder Traum?) aufblitzen, sie rückt zumindest ein paar Zentimeter ins Unreale. Ob dieser Zugriff weniger sexistisch ist, wage ich zu bezweifeln - zumindest von der totalen Verfügbarkeit der Bilder rückt es ein wenig ab.



Bleibt mir am Ende nur noch übrig eine atmosphärische Nähe zu KALEO's Way Down We Go auszumachen. Völlig anderes Genre, völlig andere Zielgruppe - und trotzdem spüre ich auch dort diese Gebremstheit. Auch dort geht es nicht um das wilde Hinausschreien, Ausleben, sondern eher um das Hinauszögern, den Genuss des schaurigen Gefühls davor, den Kitzel vor der Eruption. Und der kann am Ende sogar noch viel besser sein als der winzige Moment in dem man alles zerkloppt. Das könnte ich jetzt natürlich schön überhöhen so von wegen: neues Erlebnis des Zeit-Vergehens - das verlängerte Spüren des im-Moment-Seins... Oder ich zieh mir noch mal Tuesday rein.

Freitag, 3. März 2017

The Chainsmokers & Coldplay: Something Just Like This



Nun – wahrscheinlich hat man das erwarten müssen. Die Superband-Helden von Coldplay tun sich mit dem Pop-Erfolgsduo The Chainsmokers zusammen. Mit beiden hab ich so durchaus meine Schwierigkeiten. Ist es das stadiongroße Pathos, mit dem sie jeweils daher kommen? Oder ist es diese von außen drauf projizierte Gewissheit, dass die sowieso nichts falsch machen können? Oder vielleicht sogar der doch nicht zu verleugnende Wiedererkennungsfaktor bei fast allen Produktionen?

Something Just Like That überzeugt mich zumindest erstmal mit seinen Lyrics: Du musst kein Superheld sein, ich suche einen ganz normalen Menschen.
Das kann man heut eigentlich nicht oft genug sagen, wo es doch so viele zu wenigstens einer Sekunde Besonderheit treibt.
In Zeiten von Normcore kann man das natürlich auch ganz anders lesen. Aber das find ich dann doch eher daneben, denn der Refrain beschreibt das Menschlich-Normale viel zu positiv und verbindend, als dass es hier um ein Verschwinden in der Masse gehen könnte. Eher kommt es einem umgekehrt vor: Die Masse an X-Men-Superhelden ist schon ganz schön überbordend und irgendwie auch völlig anstrengend. Kann nicht einfach einer mal ganz durchschnittlich ein Mensch zum Anfassen sein?

Bei der Live-Premiere des Songs zur Verleihung der BRIT-Awards am 22. Februar 2017 ging es dann allerdings doch eher bombastisch zu. Eine Licht- und Videoinszenierung der gigantischen Art und ein Chris Martin, der dann doch eher der Stadion-Performer ist – auch wenn er mal kurz ins Publikum springt. Dazu der gnadenlose Schredder-Sound der Chainsmokers, die offenbar den Nerv der Zeit ganz gut treffen, irgendwie aber auch schon ganz schön in der Schleife der Selbstkopie stecken.



Das stellt einen ordentlichen Kontrast zur eigentlichen Story her. Kommt in der aktuellen Popmusik derzeit auch nicht allzu selten vor, muss man also gar nicht als etwas Besonderes herausstellen. Ist für mich aber trotzdem immer wieder mal seltsam. Wir können also das eine erzählen und gleichzeitig ohne Probleme das komplette Gegenteil selbst darstellen. Ist das jetzt auch so ein Nebeneffekt von Post-Faktizität?

Ich bleibe also bei Something Just Like This irgendwie außen vor. Ich kann mich dem Bombast hingeben und mitfeiern – "Do do do, do do dooo" ist ja auch ganz gut zum Mitsingen. Und ich kann mir dabei selbstvergewissernd zujubeln: Es ist nämlich doch ok, dass ich so bin wie ich bin. Und das lässt mich für einen Augenblick dieses Gemeinschaftsgefühl der Masse spüren.

Das hat irgendwie für mich auch den Beigeschmack: Kannst ja sowieso nichts ändern, also dröhn ich mich halt zu. Find ich ein bisschen schade. Denn selbst wenn es so wäre, vom nur Egal- und Passiv-Sein halt ich nicht viel. Das ist mir zu langweilig und irgendwie bin ich da auch schon zu sehr versaut von der Droge: Mach' was draus!

Freitag, 24. Februar 2017

KYGO (& Selena Gomez): It Ain't Me



KYGO ist zurück. Nach einer winzigen Verschnaufpause prescht er zurück in die Charts und auf die europäischen Dancefloors. Und ihm gebührt ein derartiger Superstar-Status, dass auf dem Coverbild zu seiner neuen Single lediglich sein Name stehen muss. Das reicht, um für Qualität zu bürgen. Sängerin Selena Gomez (die immerhin noch im Zwielicht ihr Profil zeigen darf) ist völlig unwichtig. Obwohl sie in den USA zu den Superstars gehört.
Immerhin: In der Listung des Titels bei allen möglichen Streaming-Plattformen steht ihr Name gleichberechtigt neben dem von KYGO.

Dieser im Grunde nebensächliche Fakt erzählt eine Menge über die Musikwahrnehmung derzeit in Europa. Die DJs sind die Superstars und Macher. Diejenigen, welche da ihre Stimme leihen, sind zweitrangig. Statisten. Wahrscheinlich sogar austauschbar.

Im Falle von Selena Gomez stimmt das leider sogar. Das, was ich von ihr auf It Ain't Me zu hören bekomme, ist reichlich unprägnant. Das hätte jetzt auch Jasmine Thompson singen können. Mindestens genauso gut/überzeugend/lauschig. Dabei hat die Sängerin doch schon gezeigt, dass sie mehr kann als nur Beiwerk sein. Nicht besonders oft, aber mindestens bei Good For You und ganz zu Beginn ihrer Karriere mit A Year Without Rain (zugegeben fand ich sie da vor allem in der spanischen Version überzeugend). Und der Beginn zu It Ain't Me verspricht sogar einiges. Doch dann wird ihre Stimme mit dem Refrain wegproduziert: erst mit einem eher schlimmen Stadionchorbackground und dann durch Zerstückelung im Sampling-Verfahren. Die TropicHouse-Panflöten und Pianoklänge lassen nicht sehr viel übrig von dem, was sie ursprünglich vielleicht aufgenommen hat.

Da hat sie sich also keinen Gefallen getan mit dieser Zusammenarbeit. Aber vielleicht ist das Ganze auch nur berechnend. Bislang blieb Selena Gomez in Kontinentaleuropa der richtig große Erfolg ja verwehrt. Ihre Alben verkauften sich zum Teil eine Woche lang ganz gut – und stürzten dann ab in der Gunst der Musikkaufenden. Wirkliche Hits waren ihre Veröffentlichungen auch nicht – eher so im Mediumbereich. Das ist für Indie-Künstlerinnen toll. Und für Sängerinnen, die Wert darauf legen, ihre Definition von Musik zu veröffentlichen ohne allzu viele Kompromisse, auch. Für kommerziell hochgezüchtete Kinderstars ist das eher zu wenig. – Oder besser: Für das Management solcher Stars reicht das nicht.

Ich vermute hier, dass die Drahtzieher im Hintergrund unbedingt einen echten Hit brauchten. Und da es gerade sehr schick ist europäische DJs mit nordamerikanischen Sängern ins Studio zu schicken, war das hier das Rezept der Stunde. Welches offenbar auch funktioniert.

Für KYGO markiert die Zusammenarbeit leider auch keine Sternstunde. Das hängt vor allem damit zusammen, dass er das tut, was er sonst auch macht: Seinen TropicHouse-Sound hinlegen. Ist OK. Damit ist er schließlich berühmt geworden. Soll er es also ausschlachten. Ich für meinen Teil, kann es zwar schon nicht mehr hören, aber die Masse steht nach wie vor drauf.

Schade ist trotzdem, dass sich KYGO kaum Mühe gibt, auf Selena Gomez einzugehen. Was hat sie zu bieten? Wo kommt sie her? Was ist die Besonderheit an ihr? – Nichts von dem spielt eine Rolle. Wie gesagt: Wäre Jasmine Thompson die Stimme der Wahl gewesen, der Track hätte genauso geklungen.

Das ist mir insgesamt zu wenig. Für den tagelangen, ununterbrochenen Soundteppich der Servicewellen und Loungebeschallungen ist der Track dagegen perfekt. Vielleicht sogar schon fast so etwas wie ein Highlight. Aber ganz aufrichtig: ich kann mit dieser Version des immer zugenebelten Lebens nicht so wahnsinnig viel anfangen. Da müssen also andere ran, um die Besonderheit dieses Daseinszustands zu beschreiben.

Freitag, 17. Februar 2017

ST∆RLEY: C∆ll On Me



Deephouse rules the world. – Weiterhin. Sogar aus Brasilien kommen jetzt Produktionen im Tuckerbeat-Gewand und platzieren sich in den hiesigen Autoradiodauerschleifen. Und so ist es überhaupt nicht verwunderlich, wenn eine australische Liedermacherin einen Hit in Europa landet, der vor allem durch den Mix eines australischen DJs besonders populär wurde. So geschehen mit C∆ll On Me aufgenommen von ST∆RLEY und mit einem fluffigen Remix versehen von Ryan Riback.

Ebenfalls nicht ganz verwunderlich: Der Remix ist um einiges überzeugender als das Original. Obwohl das im Falle von Starley gar nicht so sehr auf der Hand lag. Von der sehr weit verbreiteten, nostalgisch-romantischen Weinerlichkeit der Liedermacherzunft ist sie dann doch ein ganzes Stück entfernt. Und traut sich sogar den Flirt von Pop-Elementen. Das kann man im Original von Call On Me ganz schön erleben – die Hookline zwischen den Strophen könnte ganz gut auch aus einer Produktion von DJ Snake stammen.



Trotzdem bleibe ich nach dem Hören des Songs irgendwie reichlich unberührt. Vielleicht ist das Ganze doch zu allerweltsmäßig produziert. Eingängig und lauschig – und sofort wieder vergessen.
Vielleicht ist es auch die Akustik-Gitarre, die immer wieder auftaucht und mich völlig abtötet.
Vielleicht ist es auch das Video mit buntem Rauch.

Ein bisschen passt das ja auch zum Inhalt. Der will mir sagen: Die Welt ist doch ganz einfach: Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann wende dich an mich. – Lagerfeuerromantik, die ich gern glaube. Sie wiegt mich in Sicherheit, lullt mich ein: Wenn auch Gebete nicht mehr helfen, dann komm zu mir.

Was mich stört, sind diese leicht religiösen Anflüge, diese irgendwie auch im Text platzierte Passivität. Nicht: Hey, steh auf, wir suchen einen Weg! Sondern: Ruf mich, ich steh dir bei.

Eigentlich könnte der Text ja auch so gemeint sein: Gemeinsam, da finden wir einen Weg. Vertraue auf das Uns. Du musst nicht versuchen, alles allein hinzukriegen. Als Team sind wir besser ... und wenn es nur darum geht, die Verzweiflung, Trauer, Ohnmacht zu teilen und jemanden zu haben, der/die mir zuhört.

Die Herausforderung bleibt, sich nicht zu sehr darauf zu verlassen, dass immer andere für einen da sind. Ein bisschen Eigeninitiative und Aktivität muss man schon mitbringen. Denn wenn niemand mehr so richtig auf seinen eigenen Beinen stehen kann, dann hilft auch die Verklumpung im Team nicht viel.

Und wie um diese Gewissheit zu untermauern kommt der DJ Ryan Riback daher und macht aus dem leicht esoterischen Song eine Dance-Nummer mit Retro-Piano-House-Einsprengseln. Die Party kann beginnen. Und sogar Starley setzt sich eine bunte Partybrille auf und rockt den Dancefloor. Was so ein bisschen Aktion alles bewirken kann!




Freitag, 10. Februar 2017

KALEO: Way Down We Go



Verkörpert dieser Song wirklich das, was wir uns unter Musik aus Island vorstellen? Ganz aufrichtig: Nein.

Und das ist auch kein Wunder. Denn Kaleo firmieren zwar unter dem Label "Isländische Band", aber eigentlich leben sie schon seit gut zwei Jahren in den Vereinigten Staaten. Und zwar in Texas. Das im Hinterkopf, ist der Sound von Way Down We Go gar nicht mehr so überraschend. Und trotzdem kein bisschen weniger mitreißend.

Eigentlich ist der Titel schon eine ganze Weile veröffentlicht. Die All The Pretty Girls EP von Anfang 2015 listet den Song bereits als zweiten Track. Aber es brauchte doch eine Weile und wahrscheinlich auch noch das Album A/B von Ende 2016 bis auch der eine oder andere Soundscout die Band auf dem Radar hatte und in diverse Soundtracks hievte. Und so gelang der Sound unter die Menschen und schließlich in die Charts.

Was ist das Faszinierende an Way Down We Go?
Zuerst mal dieser träge sich hinschleppende Rhythmus, natürlich die herzzerreißende Stimme von Jökull Juliussonzwischen bitterem Flehen und völliger Verzweiflung, die quietschende Gitarre – und dann auch die ganz ganz feinen Anklänge von sphärischen Violinen, die dann eben doch einen kleinen Funken isländisches Flair in diesen ansonsten eher schwülen Song bringen.

Dieser Sound ist alles in allem keinesfalls neu. Versetzt mit zappeligen Videobild-Überblendungen wird das Ganze zu einer fiebrigen Erinnerung. Und weil da alles so schön verschwimmt, weiß man eben nicht genau: Ist das jetzt schon Rockabilly oder doch nur Lana del Ray … ähm sorry: Chris Isaak?

Egal – es ist in jedem Fall der schönste Retro-Hit, den wir seit Langem Langem hatten. Da lässt sich gut drin einlullen und das Jetzt und Heute vergessen. Denn schmerzhaft und schlimm war es früher auch schon.


Freitag, 3. Februar 2017

ZAYN | Taylor Swift:
I Don't Wanna Live Forever (Fifty Shades Darker)



Shades Of Grey und die dazugehörigen Verfilmungen scheinen also eines der bestimmenden Werke der 2010er zu sein. Das war für mich schon im Jahr 2011 reichlich unverständlich. Was genau ist an der Geschichte so aufregend, dass es MIllionen von Menschen dazu treibt, geradezu manisch die Bücher und Filme zu konsumieren? – Fast scheint es ja, als seien all die Leser*innen (angeblich mehrheitlich Frauen – wer weiß) wie Hauptfigur Ana gleichermaßen elektrisiert und naiv verblendet, immer mit der Hoffnung (dem Wissen?), hier gäbe es ein romantisches Familien-Happy End.

Eva Illouz findet eine ganz schöne Erläuterung: In Fifty Shades werden Beziehungen mehr oder weniger als Vertrag inszeniert, also einem Regelwerk, mit dem wir in allen Bereichen versuchen unser Zusammenleben zu definieren. Mit dieser Interpretation im Kopf, geht es in der Grey-Geschichte viel weniger um Emotionen, Verlangen und Gefühle als eher um Vertragsbruch, nicht geregelte Aspekte und die Unsicherheit/Angst, die entsteht, wenn etwas nicht auf- und unterschrieben ist. In den Romanen und Filmen wird das Ganze dann noch schön mit einer psychoanalytischen Komponente versehen – irgendwie auch wunderbar, wie hier Ursache und Wirkung sich ineinander verschlingen, die Rollen wechseln und ein großes Durcheinander verschiedenster Ebenen verursachen. Wer war zuerst da: Das Huhn oder das Ei? – Die Erklärung von Ängsten oder das Angstgefühl?

Shades Of Grey kann uns also auch zeigen, wie wir gerade miteinander leben und wie in einer kapitalistischen Welt Gefühle instrumentalisiert bzw. sortiert werden. Und natürlich erzählt es auch davon, was in diesem System irgendwie doch nicht so richtig funktioniert.

Ganz am Ende steht natürlich die Heirat und die traute Familie. Auch das keine große Überraschung, wenn auch reichlich ernüchternd. Eine Vision die sagt: Tobe dich ruhig aus, irgendwann landest du trotzdem in der Glücks-Normalität.
Mich würde ja jetzt schon interessieren, wie so ein Teil 4 aussehen könnte, wenn das ganze Einfamilienkartenhaus vielleicht ein paar Risse bekommt.

Nun also ist der zweite Teil als Verfilmung da. Und mit ihm auch ein Soundtrack, der eine hübsche Mischung angesagter Namen präsentiert: SIA, Halsey, Kygo, The Avener, John Legend ... und natürlich ZAYN & Taylor Swift. Die beiden präsentieren mit I Don't Wanna Live Forever (Fifty Shades Darker) so etwas wie den Signature-Song zum Film. Zwischen sparsam lasziver, elektronisch angehauchter Instrumentierung, flehendem Falsett-Gesang und irgendwie auch stadionmäßigen "Ohoho"-Gesängen platziert sich der Titel als musikalische Umsetzung eines Verlangens, eines Wunsches, der irgendwie nicht so einfach zu erreichen ist.

Eigentlich ist es ganz einfach: Er warted darauf, dass sie anruft, sie ist sich nicht sicher ob ihre Entscheidung, den Kontakt abzubrechen, wirklich richtig war. Das ist die Ausgangssituation zum zweiten Teil der Grey-Trilogie.
Gleichzeitig sind sich beide aber auch sicher: I don't wanna fit wherever I just wanna keep calling your name until you come back home
Das Warten, das Verlangen, das ist unaushaltbar und etwas, das definitiv nicht der Lebensinhalt der beiden sein sollte.

Ein bisschen grundsätzliche Verzweiflung schwingt in dem Song mit, da ja scheinbar der Ausgangspunkt dieses Klagens die Annahme des ewigen Lebens ist.
I Don't Wanna Live Forever – Mach' bloß, dass dieses unnütze Leben irgendwann aufhört. Und sei es erst nach 1.000 Jahren.

Umgekehrt angeschaut: Wenn du also zurück kommst zu mir, nach Hause (!), ich mir deiner Nähe und Gegenwart sicher bin, dann könnte ich mir das mit dem ewigen Leben schon vorstellen. Denn dann müsste ich mich ja auch nicht mehr so sehnen und verzehren …


Ich weiß nicht, ob wir alle diese Vision teilen – zumindest für Ana und Christian geht die Geschichte ja in eine Richtung, welche einen geringeren Emotions-Schmerzpegel verspricht. Sie steigt ins Taxi und fährt zu ihm …
Wie gesagt: Teil 4 steht noch aus.



Verglichen mit Earned It, einem der zentralen Songs aus Teil I, ist I Don't Wanna Live Forever um einiges existenzieller, vielleicht auch verzweifelter. Oder unszeniert sich zumindest so. Bei Earned It ging es einfach nur um lustvolles Verlangen und die Steigerung ins möglichst Extreme. Love Me Like You Do holte zum überbordenden Genuss aus – I Don't Wanna Live Forever ist dagegen das Leiden pur. Ana und Christian haben nun tatsächlich mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Oder müssen erstmal rauskriegen, was diese überhaupt sind. Es wird also kompliziert.

Nicht umsonst steht das reichlich oft in Statuszeilen sozialer Netzwerke. Bei allen Freiheiten und Vertragsklauseln – einfacher ist das Beziehungsleben in den 2010ern auf keinen Fall geworden.

Freitag, 27. Januar 2017

The Chainsmokers: Paris



Wenn ein US amerikanischer Act von einer europäischen Hauptstadt schwärmt, dann ist das Anfang 2017 schon einigermaßen ungewöhnlich. Laut offizieller Sichtweise ist Europa ja derzeit eher der Kontinent des Chaos und der ungeordneten Zustände. The Chainsmokers sehen das aber irgendwie anders. Paris – das ist noch immer ein Sehnsuchtsort. Dorthin kann man vor den Eltern fliehen und das Leben ausprobieren. Ist vielleicht nicht ganz ungefährlich, aber auf jeden Fall intensiv. Und vor allem ein Ort um zu beweisen, dass man es eben doch auch hinkriegt.

Das ist vielleicht nicht ganz das romantisch-verkitschtee Bild, das sonst so gern von der französischen Hauptstadt gezeichnet wird, aber es ist insgesamt doch ein sehr sehr schönes Kompliment.

Gemäß den 2010er fabrizieren The Chainsmokers aber nicht einfach so eine Hymne auf eine Stadt hin – auch in Paris ist der Ort lediglich Kulisse. Es geht vielmehr um die eigenen Befindlichkeiten. Und die sind schon auch ganz schön kompliziert. Eine Stadt allein macht nicht glücklich. Und wer nicht richtig glücklich ist, kann auch die unglaublichste Stadt nicht unbedingt genießen.

So ist also Paris auch ein sentimentaler Blick zurück. Eigentlich war es ganz schön dort, aber was eigentlich war das genau? Und was ist diese irgendwie schöne Vergangenheit wert, wo es doch im Jetzt immer noch nur darum geht, sich zu beweisen? Wer weiß schon, was damals in Paris war?

Gefangen in der Existenzialisten-Schleife – passt ja irgendwie auch zu Paris.

Die musikalische Ummantelung nimmt nochmal etwas mehr Abstand von den elektronischen Wurzeln des Duos. Gitarre, Klavier, Schlagzeug ... das kommt alles schon reichlich akustisch daher und zeigt nochmal eine ganz andere Facette der Chainsmokers. Erst zum Ende des Songs hin steigert sich der Song zur gewohnten Pop-Bombastik – und lädt zum Schwelgen ein. Die beiden sind eben doch sowas wie die Erben der Pet Shop Boys, die ohne die große Geste nicht so richtig können.

So legen also The Chainsmokers eine Mischung hin, die derzeit in der westlichen Welt ganz hervorragend ankommt. Pathos, oberflächlicher Glanz, Inszenierung, Worthülsen – dahinter vor allem melancholische Unsicherheit und eine gehörige Portion Unglück. Es liegt auf der Hand, dass es schwierig wird, diese Situation aus eigener Kraft zu ändern. Oder wenigstens anders drauf zu blicken. Also baden wir noch ein bisschen drin.

Freitag, 20. Januar 2017

Ed Sheeran: Castle On The Hill



Habe ich letzte Woche Ed Sheeran über den grünen Klee gelobt, so kommt hier die harte Landung. Castle On The Hill ist die zweite Single, die das Album Divide ankündigt. Und auf der macht Ed Sheeran alles das, was so ein Singer/Songwriter erwartbarerweise irgendwann mal machen muss. Er begibt sich auf den Weg zu seinen Wurzeln, in seine Jugend, da wo alles noch so einfach war und das Leben voller Überraschungen. Zu den Leuten, die ihn das Leben gelehrt haben, mit denen er aufgewachsen ist – Freunde für's Leben sagt man dazu auch gern …

Und das Ganze hat tatsächlich einen ziemlich bitter-traurigen Unterton. Denn alles was diese Freunde im Heute sind, klingt irgendwie schäbig und viel weniger wert als das Kinderjugenddasein:
One friend left to sell clothes
One works down by the coast
One had two kids but lives alone
One's brother overdosed
One's already on his second wife
One's just barely getting by

Da bleibt nicht viel übrig als die schönen Erinnerungen.

In diese Welt fährt Ed Sheeran also zurück. Und er freut sich drauf. Er freut sich auf die Erinnerungen: Früher war alles gut.

Hmm - das ist so die Haltung, die wir doch recht häufig antreffen. In allen Generationen. Früher – ja, früher, da war die Welt noch in Ordnung!

Ist natürlich alles Quark. Mag sein, für manchen waren die Jugendjahre die glücklichsten. Aber hey, wer es nicht schafft als erwachsener Mensch immer noch Spaß und Freude zu haben, sich bewusst für oder gegen etwas zu entscheiden, dem oder der ist vermutlich wirklich nicht mehr zu helfen. Denn das Glück der Jugend liegt doch vor allem darin, dass man beschützt wird von den Eltern. Die am Ende sehr stark bestimmen, wohin man sich entwickelt. Von wegen Freiheit und Glück. Vielleicht so ein bisschen beim Rumalbern in der Pampa. Aber entscheide dich mal mit 14 einfach so auszuziehen oder die Schule zu schmeißen – Stress vorprogrammiert. Also bleibst du eben doch in den vorgeplanten Bahnen und reißt den vorgezeichneten Weg runter. Am Ende traust du dich gar nicht mehr, irgendwas abseits der Normalität zu tun und endest im tristen, langweiligen Alltag. Schade!

Ich habe mein Leben bisher völlig anders gelebt. Ich bin glücklich aufgewachsen, beschützt, behütet und auch genauso ausgelassen wie es Ed Sheeran beschreibt. Aber ich fand es auch cool mit Mitte zwanzig genau das zu machen, was mir gefällt. Meine Eltern und Großeltern – waren mir weitestgehend egal. Ich hab sie allerdings auch nie um Unterstützung für meine Entscheidungen gebeten. Mit 30 wusste ich, was ich vom Leben wollte und kriegen konnte und ein paar Jahre später haben sogar meine Eltern meinen Lebensstil ein bisschen bewundert. Und als mich meine Mutter zum 40. fragte: Was würdest du anders machen, wenn du nochmal Leben könntest? - da war meine Antwort: Nichts!

Und genau deshalb kann ich so einen verklärenden Jugendheimatlobgesang nicht teilen. Alles, was damals schön war, ist heute noch genauso. Ich guck mir romantisch den Sonnenuntergang an, ich verliebe mich, ich lerne Menschen kennen, ich habe Freunde, ich lebe … Warum nochmal soll es an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, so besonders sein?

Konsequenterweise erzählt mir Ed Sheeran die Geschichte von seiner Rückkehr in die Heimat- und Jugenderinnerungen in einem Sound, der ebenfalls weit weit zurück liegt. Die Gitarrenwellen klingen ordentlich nach U2 in den 80ern. Und Tiny Dancer von Elton John wird dann auch gleich noch zitiert. Aber halt: Mitte 80er war Ed Sheeran doch noch gar nicht auf dieser Welt. Und Tiny Dancer stammt sogar aus dem Jahr 1971. Hier wird also eine Zeit vergoldet, die gar nicht selbst erlebt wurde, also ein Märchentraum. Ach je ... da war die eigene Jugend dann vermutlich doch gar nicht so rosig. Nur die Brille durch die wir blicken, macht sie so schön.

Vielleicht blickt Ed Sheeran so gern auf die Jugend, weil er mit Mitte 20 einfach noch nicht erwachsen genug ist. Alles befindet sich noch im Umbruch. Kann ich das jetzt entscheiden oder soll ich doch noch meine Eltern fragen? Wie doof ist das denn, das ich jetzt selbst entscheiden muss, was ich mir leisten kann? Und was erwarten die Menschen von mir? Darf ich mich einfach so gehen lassen? Und wie doof ist das eigentlich, dass ich jetzt alles eigenverantwortlich entscheiden muss?

Das, wonach sich Ed Sheeran zurücksehnt, ist die Zeit der konsequenzlosen Handlungen. Die Zeit der Unmündigkeit. Ich finde nicht, dass es sich lohnt, diesen Zeiten auch nur eine einzige Träne nachzuweinen. Noch schlimmer: Diese Einstellung halte ich sogar für ziemlich gefährlich. Sie ist nämlich durchaus ein Grund, warum es Leuten egal ist, hinter welchem Namen sie ein Kreuz machen. Einfach nicht mehr nachdenken müssen und irgendwelche Typen machen lassen. Bloß keine Verantwortung übernehmen. Dann kann man hinterher auch schön drüber meckern …

Schade eigentlich. Ich glaub, Ed Sheeran sollte einfach noch ein paar Jahre älter werden. Vielleicht erkennt er dann wie geil das Leben sein kann, wenn man sich die Freiheiten der Jugend einfach bewusst nimmt und selbst bestimmt, wie alt man sich fühlt. Zur Burg auf dem Hügel kann man dann natürlich trotzdem noch gehen. Einfach ohne dieses seltsame Zurücksehnen.


Freitag, 13. Januar 2017

Ed Sheeran: Shape Of You



Bam – da ist er wieder! Kaum hat das Jahr 2017 begonnen, da wirft Ed Sheeran zwei Singles gleichzeitig auf den Markt um sein kommendes Album Divide anzukündigen – und schwups hat er gleich den ersten Superhit etabliert.
Ich war einigermaßen überrascht, den Sänger auf Anhieb auf Platz 1 zu entdecken (und auf Platz 2 gleich nochmal). Ja, Ed Sheeran hat sich in den letzten fünf Jahren ganz gut etabliert – als solch einen Megastar habe ich ihn allerdings nicht wahrgenommen. Die aktuelle Nachfrage lässt aber keine Zweifel offen. Ed Sheeran gehört jetzt zu den ganz Großen.

Für die aktuelle Popmusik ist das sogar ganz gut, denn Ed Sheeran zeichnete sich in den vergangenen fünf Jahren vor allem durch Experimentierfreude und Stilvielfalt aus. Das liegt vor allem an den Kooperationen, die er so einging – oder die seine Songs per Remix erfuhren. Ob Kygo, Hoodie Allen, Felix Jaehn oder Rudimental – da war schon einiges dabei, was seinen eigenen Stil nochmal schon bereichert und beeinflusst hat. Und so ist auch Shape Of You eine sehr clevere Mischung. Das Intro knüpft raffiniert an Tropic-House-Hörgewohnheiten an, wird dann aber durch einen minimalen Funk-Rhythmus ergänzt, den Ed Sheeran mit einer sehr hübschen Alltagsgeschichte garniert. Und obwohl sich die Instrumentierung Stück für Stück steigert, wirkt der Song in keiner Sekunde überinszeniert oder pompös. Selbst der Juchzer mit Reminiszenz an Michael Jackson fügt sich hier wie selbstverständlich ein.

Einen wesentlichen Anteil an dieser großartigen Mischung hat Produzent und Co-Autor Steve Mac. Bereits für die Vorgänger-Nr. 1 Rockabye zeichnete er als Produzent verantwortlich und zeigte darauf mit welcher Leichtigkeit sich Dancehall und Pop verbinden lassen. Hier bei Shape Of You passiert das Gleiche – nur mit anderen Zutaten.

Zweiter Bestandteil ist der faszienierende Wechsel zwischen Sprechgesang und Falsettmelodie. Ed Sheeran erzählt von überraschenden Begegnungen, von der unbeholfenen Art, sich einer attraktiven Person zu nähern und vor allem von der Begierde und Lust, die durch ein attraktives Äußeres ausgelöst werden. Ja – hier geht es um ganz oberflächliche Lust, um Sexappeal, und darum, wie schwer es uns fällt, dem einfach nachzugeben. Und das ist richtig schön. Denn es ist trotzdem nicht so prollig doof, wie die Mehrheit der Rap- und Dancefloor-Produktionen. Es redet nicht drumrum und bleibt dennoch respektvoll. Am Ende ist es sogar die Frau, die sagt: "Hey komm, laber nicht rum, sondern lass uns endlich mal körperlich werden!"

Pophistorisch spannend ist die Feststellung, dass 1981 Olivia (Newton-John) genau diese Situation schon beschreibt mit Get Physical. So weit waren wir also schonmal – oder ist etwa gar nichts passiert seitdem?
Zumindest wenn ich mir den immer noch überbordenden Erfolg der aseptischen Helene Fischer anschaue, denke ich, eine ganze Menge Frauen spielt heute doch wieder ganz gern das kleine, romantische Heimchen. Sex? – Bloss nicht. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.
Und alle die, welche da ganz ungeniert auf Biest und Bitch machen, die bleiben am Ende genau in ihren Rollen gefangen und werden kaum akzeptiert.

Großartig an Shape Of You ist deshalb vor allem die Normalität, mit der hier die (weibliche) Lust auf Körperkontakt beschrieben wird. Danke genau dafür.

Freitag, 6. Januar 2017

AW: Alone



Weiß irgendjemand nicht, was diese beiden Buchstaben bedeuten? Das scheint mir schier unmöglich, nachdem der Norweger Alan Walker 2016 so etwas wie das beste Debüt hingelegt und mit seiner ersten Single Faded gleich auch noch den bestverkauften Hit des Jahres abgeliefert hat.

Ein paar Pop-Kommentatoren wie Henning Uhle haben in dem Song den Soundtrack zur Flüchtlingskatastrophe gehört. Vielleicht gar nicht so abwegig. Sing Me To Sleep hat es dann immerhin auch noch zu Top 10-Status gebracht mit einer fast schon optimistischen Zustandsbeschreibung. Mit Alone macht der DJ und Produzent aber nochmal eindeutig klar: Das Leben ist nicht lustig. Es ist hart, einsam, erfordert eine Menge Mut und vor allem die Gewissheit, dass man nicht allein ist, einem größeren Zusammenhang angehört, einer Bewegung.

Im Gesang geht das Ganze noch ordentlich als One-Night-Stand oder ähnlich gelagerter Liebesflirt durch. Mit dem Video wird es dagegen schon deutlich politischer. Dort verabreden sich nämlich die Einzeltäter und Sleeper zu einer gemeinsamen Aktion. Wer angesichts der momentanen Terrorattacken keine Parallelen erkennt, der/die hat wahrscheinlich wirklich nur mit dem eigenen, kleinen Sein zu tun.



Da rätseln also soundso viele schlaue Menschen, was Jugendliche bewegt sich einer Organisation anzuschließen, die etwas Größeres verspricht – muss ja nicht immer Terror sein – und eigentlich liegt es hier doch ganz klar auf der Hand. Gemeinsam auf einen Berg steigen, die gleiche Musik hören, Menschen finden, die sich genauso wenig aufgehoben in ihrer Umgebung finden wie ich … so einfach ist das.

Bei Alan Walker steht am Ende so etwas wie ein Glücksversprechen: Die Walkers treffen sich und erfahren auf einem norwegischen Gipfel das Gefühl von Gemeinsamkeit. Die Masken sind nicht mehr nötig. Und vielleicht ist das auch der erste Schritt zurück in das bestehende soziale Umfeld. Denn mit solch einer Sicherheit lässt sich schon eine Menge mehr aushalten.

Könnte also gut sein, dass Alan Walker hier schon wieder eine Zeitgeist-Hymne produziert hat. Anders als Faded lässt er hier aber durchaus ein paar Möglichkeiten offen. Das Rave-Signal tönt euphorischer – die Zeit der apathischen Trauer scheint vorbei zu sein.