Freitag, 24. März 2017

Jax Jones Feat. Raye: You Don't Know Me

Es gibt sie noch, die Dancefloor-Hits, die abseits von Stadionparty und softem DeepHouse-Gedöns funktionieren. Und tatsächlich auch im Mainstream funktionieren. Jax jones sei Dank.

Als Produzent hat er sich erste Aufmerksamkeit und Lorbeeren erarbeitet an der Seite von Duke Dumont, dem er 2014 bei I Got U zur Seite stand. Das reichte in seiner Heimat Großbritannien für eine Nummer 1 und in Resteuropa dann doch schon für einen Achtungserfolg. Nun ist er mit You Don't Know Me zumindest bei der Produktion allein unterwegs – und das Ergebnis ist grandios.

Natürlich ist auch You Don't Know Me vor allem ein cleverer Popsong, der sich explizit am Clubsound orientiert. Der reine Clubhit, der es auch im kommerziellen Umfeld schafft sich durchzusetzen, war ein Phänomen der 1990er. Deshalb hat es auch mit House Work nicht so durchschlagend funktioniert. Das war zu sperrig, zu cluborientiert, zu wenig radiokompatibel.

Beide Tracks setzen auf klassische House-Elemente: Wiederholung, ein straighter Beat und nicht zu viel Effekt-SchnickSchnack drumrum. So kommt bei You Don't Know Me vor allem die Stimme von Sängerin Raye besonders zum Tragen. Und damit auch der Text:
Du denkst du kennst mich? – F***k Off. Bloß weil wir zufällig im gleichen Club tanzen, bin ich nicht deine Freundin. Und schon gar nicht dafür da, von dir zugelabert zu werden.
So klingt Selbstbewusstsein im Jahr 2017.

Kombiniert wird der Track mit einem ebenso simplen wie witzigen Video. Eine Packung von Frühstückssüßigkeiten, auf denen der animierte DJ im Takt schreitet bzw. an entsprechenden musikalischen Stellen zum Handwaving ansetzt. Was braucht es mehr?



Natürlich noch eine Menge Referenzen auf sich selbst: Das Gewinnspiel für das House Work-Putzmittel an den Seiten des Kartons. Und ein echtes Video, in dem auch die Cerealien-Packung wieder auftaucht.



Katy Perry baut mit dem selben Ziel und Effekt riesige Vergnügungsparks nach – mit wesentlich weniger Budget funktioniert das Ganze genauso.
Danke!


Freitag, 17. März 2017

Ed Sheeran: Galway Girl

Na gut, nach der historischen Chart-Invasion der Tracks von Ed Sheerans : (Divide)-Album, muss ich dann doch nochmal detaillierter auf den Liedermacher aus Großbritannien schauen. Denn das, was er da unter die Menschen geworfen hat ist nicht einfach nur noch eine Sammlung von Liedern, sondern da sind tatsächlich echte Hits darunter. Zum Beispiel Galway Girl.

Ironischerweise wird die Story kolportiert, dass die Plattenfirma genau diesen Song gar nicht so gern auf dem Album haben wollte. Und schon gar nicht als Single. Nun haben die Hörerinnen weltweit entschieden und zumindest in Europa ist Galway Girl der Nachfolgheit zu Shape Of You and Castle On The Hill.

Galway Girl ist eines von zwei irisch-beeinflussten Songs des Albums. Da Nancy Mulligan allerdings im Vergleich zu den anderen Liedern das Albums schwach performt, gehe ich davon aus, dass der Irish Flavour allein nicht für den Erfolg des Liedes verantwortlich ist. Für mich ist es vielmehr das rhythmisch-orientierte Arrangement, das mitreißt und überzeugt. Die Mehrheit der Songs auf : (Divide) sind ja eher still, etwas melancholisch, auf alle Fälle aber nachdenklich. Bei Galway Girl geht es dagegen zur Sache. Da wird getrunken, getanzt, geraucht und gelacht.

In dieser emotional aufgeputschten Stimmung kommen sich zwei näher, feiern zusammen, haben Spaß. Klar, dass so eine Nacht nicht einfach zu Ende gehen kann, man trinkt zu Hause noch eine Flasche Wein und verliebt sich. Emotionen und Momente, die man lange, vielleicht ein Leben lang, in seinen Erinnerungen behält. Von diesem Gefühl zehrt der Song. Und Ed Sheeran hat es vor allem mit seinem Text hervorragend geschafft, diese Momente einzufangen. Dass er obendrein zwischen Gesang und Rap-Part hin- und herwechselt als sei es das Selbstverständlichste der Welt, macht den Song überlebendig und gnadenlos schwungvoll. Selbst wenn ich irischen Fiddlersound eigentlich eher ablehne (zu viel Riverdance und Co.), hier kann ich mich nicht entziehen und feiere mit.

Leiderleider – und das muss ich hier dann doch auch noch loswerden – ist Galway Girl tatsächlich eher die Ausnahme auf dem Album. Nachdem vor zwei Wochen nahezu eine Hysterie um das neue Album ausgebrochen war, habe ich es mir natürlich auch reingezogen und war eher enttäuscht. So viel Familienseligkeit und Heimweh, Gitarrenliedermachersound und Retrospektive hatte ich nicht erwartet. Klar, das spiegelt derzeit besonders in Britannien grad das allgemeine Lebensgefühl wider: Wie war das doch schön, als die Welt noch überschaubar war und Gut und Böse klar voneinander getrennt... Und auch der Rest der Welt kennt diese Sehnsucht derzeit ausführlich. Lösungsangebote finde ich auf : (Divide) allerdings gar keine. Nicht mal Ansätze davon.

Und deshalb höre ich auch bei Galway Girl etwas genauer hin und entdecke: Tja, es ist also auch einem jungen Mann, wie Ed Sheeran noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Frau besser Dart spielen kann als ein Mann … Muss man jetzt nicht überbewerten, zeigt aber auch, dass es eben noch lange nicht selbstverständlich ist in einer modernen und aufgeschlossenen Welt zu leben. Die Kindheitsmuster stecken in uns allen noch tief drin und holen uns manchmal eben doch ein.

Naja, vielleicht ist es ja auch gut, nochmal am eigenen Leib zu spüren wie es "damals" war: zu Hause auf dem Land, in der Großfamilie, mit nur geringstem, persönlichen Freiraum und statt Internet die Akustikgitarre, auf der immer wieder die selben Weisen gespielt werden. Ich freu mich jetzt schon auf die Remixe zu : (Divide).

Freitag, 10. März 2017

Burak Yeter Ft. Danelle Sandoval: Tuesday



Wenn ein türkischer DJ die Top 10 der deutschen Charts erreicht, dann ist das schon was Besonderes. Bisher haben nicht so viele türkische Musiker eine solch breite Aufmerksamkeit in Deutschland erreicht. Tarkan Ende der 90er und dann noch der deutsch-türkische DJ Mousse T zu ungefähr der selben Zeit. Und das wars dann auch schon. Bis heute. Denn seit ein paar Wochen tobt Tuesday mit Coolness über die Dancefloors und spült den DJ Burak Yeter in die Verkaufscharts und zu kommerziellen Erfolg.

Allerdings hat der Mann auch eine Weile gebraucht, um diesen Glücksgriff zu landen. Seine bisherigen Produktionen waren eher sehr durchschnittliche Ware. Nicht unbedingt schlechte Produktionen, nur eben nicht besonders auffällig oder mit einem eigenen Zugriff. Das ist bei Tuesday komplett anders. Der Beat, der einen gleichzeitig antreibt und trotzdem arg gebremst daherkommt, kombiniert mit einem Gitarrenriff und sehr dezent eingesetzten Bläsersätzen. Und dann kombiniert Burak Yeter eine laszive Frauenstimme mit männlichem Falsettgesang. Gewagter Kitsch.

Das Ganze geht aber doch gut auf, weil es in dieser Reduziertheit verharrt. Kein weiterer Schmalz, kein Pomp, kein zusätzlicher Trommelwirbel. Nach den tobenden Stadiongewittern von David Guetta, AVICII und Calvin Harris und dem esoterisch-verklärten Deephouse bzw. superromantic TropicHouse wirkt diese Variante von elektronischer Tanzmusik fast schon minimal. Ein paar französische Acts wie FEDER oder The Avener haben das in den letzten Jahren bereits erfolgreich ausprobiert – könnte sein, dass sich der Sound nach Tuesday noch ein bisschen mehr durchsetzt.

Das Video geht ähnliche Wege. Es nimmt die bekannten Bilder von leicht bekleideten, tanzenden Frauen, schickt die aber durch den technischen Störfilter. Die zur Schau gestellte Körperlichkeit ist damit zwar immer noch vorhanden und explizit, aber sie ist nicht einfach nur Vordergrund. Sie muss sich eben auch zerhacken lassen, als Erinnerung (oder Traum?) aufblitzen, sie rückt zumindest ein paar Zentimeter ins Unreale. Ob dieser Zugriff weniger sexistisch ist, wage ich zu bezweifeln - zumindest von der totalen Verfügbarkeit der Bilder rückt es ein wenig ab.



Bleibt mir am Ende nur noch übrig eine atmosphärische Nähe zu KALEO's Way Down We Go auszumachen. Völlig anderes Genre, völlig andere Zielgruppe - und trotzdem spüre ich auch dort diese Gebremstheit. Auch dort geht es nicht um das wilde Hinausschreien, Ausleben, sondern eher um das Hinauszögern, den Genuss des schaurigen Gefühls davor, den Kitzel vor der Eruption. Und der kann am Ende sogar noch viel besser sein als der winzige Moment in dem man alles zerkloppt. Das könnte ich jetzt natürlich schön überhöhen so von wegen: neues Erlebnis des Zeit-Vergehens - das verlängerte Spüren des im-Moment-Seins... Oder ich zieh mir noch mal Tuesday rein.

Freitag, 3. März 2017

The Chainsmokers & Coldplay: Something Just Like This



Nun – wahrscheinlich hat man das erwarten müssen. Die Superband-Helden von Coldplay tun sich mit dem Pop-Erfolgsduo The Chainsmokers zusammen. Mit beiden hab ich so durchaus meine Schwierigkeiten. Ist es das stadiongroße Pathos, mit dem sie jeweils daher kommen? Oder ist es diese von außen drauf projizierte Gewissheit, dass die sowieso nichts falsch machen können? Oder vielleicht sogar der doch nicht zu verleugnende Wiedererkennungsfaktor bei fast allen Produktionen?

Something Just Like That überzeugt mich zumindest erstmal mit seinen Lyrics: Du musst kein Superheld sein, ich suche einen ganz normalen Menschen.
Das kann man heut eigentlich nicht oft genug sagen, wo es doch so viele zu wenigstens einer Sekunde Besonderheit treibt.
In Zeiten von Normcore kann man das natürlich auch ganz anders lesen. Aber das find ich dann doch eher daneben, denn der Refrain beschreibt das Menschlich-Normale viel zu positiv und verbindend, als dass es hier um ein Verschwinden in der Masse gehen könnte. Eher kommt es einem umgekehrt vor: Die Masse an X-Men-Superhelden ist schon ganz schön überbordend und irgendwie auch völlig anstrengend. Kann nicht einfach einer mal ganz durchschnittlich ein Mensch zum Anfassen sein?

Bei der Live-Premiere des Songs zur Verleihung der BRIT-Awards am 22. Februar 2017 ging es dann allerdings doch eher bombastisch zu. Eine Licht- und Videoinszenierung der gigantischen Art und ein Chris Martin, der dann doch eher der Stadion-Performer ist – auch wenn er mal kurz ins Publikum springt. Dazu der gnadenlose Schredder-Sound der Chainsmokers, die offenbar den Nerv der Zeit ganz gut treffen, irgendwie aber auch schon ganz schön in der Schleife der Selbstkopie stecken.



Das stellt einen ordentlichen Kontrast zur eigentlichen Story her. Kommt in der aktuellen Popmusik derzeit auch nicht allzu selten vor, muss man also gar nicht als etwas Besonderes herausstellen. Ist für mich aber trotzdem immer wieder mal seltsam. Wir können also das eine erzählen und gleichzeitig ohne Probleme das komplette Gegenteil selbst darstellen. Ist das jetzt auch so ein Nebeneffekt von Post-Faktizität?

Ich bleibe also bei Something Just Like This irgendwie außen vor. Ich kann mich dem Bombast hingeben und mitfeiern – "Do do do, do do dooo" ist ja auch ganz gut zum Mitsingen. Und ich kann mir dabei selbstvergewissernd zujubeln: Es ist nämlich doch ok, dass ich so bin wie ich bin. Und das lässt mich für einen Augenblick dieses Gemeinschaftsgefühl der Masse spüren.

Das hat irgendwie für mich auch den Beigeschmack: Kannst ja sowieso nichts ändern, also dröhn ich mich halt zu. Find ich ein bisschen schade. Denn selbst wenn es so wäre, vom nur Egal- und Passiv-Sein halt ich nicht viel. Das ist mir zu langweilig und irgendwie bin ich da auch schon zu sehr versaut von der Droge: Mach' was draus!